Trauma

Narben auf der Seele -  wenn Traumata Spuren hinterlassen

Ein seelisches Trauma ist eine schwere psychische Erschütterung/Verletzung, die noch lange zumeist unbewusst wirksam ist.

Bei sehr intensivem Stress, wie zum Beispiel einem Trauma kommt es zu einer Störung der Stressverarbeitung auf hormoneller und auf neuronaler Ebene. Durch chronisch erhöhte Kortisolspiegel wird die Neubildung von Nervenzellen im Gehirn reduziert, wodurch Lernen und Gedächtnis beeinträchtigt werden.

Posttraumatische Belastungsstörung

Eine verzögerte oder über einen längeren Zeitraum andauernde Reaktion auf ein belastendes Ereignis mit außergewöhnlicher Bedrohung oder katastrophenartigem Ausmaß wird als Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) bezeichnet. Typische Merkmale sind unter anderem das wiederholte Erleben des Traumas, Freudlosigkeit, Teilnahmslosigkeit, Übererregbarkeit, Schlafstörungen, Angst, Depression und ein Gefühl des Betäubtseins (nach ICD10).

Verglichen mit gesunden Kontrollprobanden zeigten Patienten mit einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) eine Volumenabnahme des Hippocampus, welcher eine wichtige Rolle für Lernen und Gedächtnis spielt, um bis zu 26 %. Auch der frontale Cortex hatte bei PTBS Patienten ein geringeres Volumen, wodurch u. a. die Emotionsregulation beeinträchtigt wird. Die Aktivität der Amygdala, das sogenannte Alarmzentrum, war hingegen erhöht, was zu einer höheren Erregbarkeit und Ängstlichkeit führt. In der Kindheit misshandelte Personen haben beim Anblick negativer Reize eine starke Aktivierung der Amygdala, jedoch eine schwache Aktivierung von Belohnungsschaltkreisen durch positive Reize. Das bedeutet, dass traumatisierte Personen stärker auf negative Reize reagieren und weniger stark auf positive Reize.  Im Tiermodell führte Dauerstress zu einer Vergrößerung der Amygdala, was zu einer vermehrten Ängstlichkeit führt und das Risiko für Angst- sowie Panikstörungen und Depressionen erhöht. Die Amygdala spielt eine Rolle bei der Stressreaktion, denn bei Gefahr aktiviert sie die Stressachsen. Wird die Amygdala durch ein Trauma sensibilisiert, so aktiviert sie häufiger die Stressachsen und stellt den Körper auf Gefahr ein.

Missbrauch und Vernachlässigung, vor allem in der frühen Kindheit, führen zu einer Veränderung der Stressachsen-Aktivität, welche für die Kortisol Ausschüttung zuständig ist. Dies kann sich entweder in Form einer Über-Aktivität des Stresssystems zeigen oder aber auch in einer stark runter regulierten Stressachsen Aktivität beobachtet werden. Letzteres kann für eine Notfallreaktion des Körpers stehen, welche vor einer chronischen Überstimulierung schützen soll bzw. es kann sich ebenso um den physiologischen „Totstell-Zustand“ handeln. Traumatisierte Personen befinden sich oft in diesem „Totstell-Zustand“, in dem der Stoffwechsel herunterreguliert wird und trotz schwerer Traumatisierung eine niedrige Herzfrequenz und niedrige Kortisolwerte auftreten. Der Körper wird in eine Art Energiesparmodus versetzt, mitunter begleitet von einer Depression, Gedächtnisstörungen, Energiemangel bis hin zur Ohnmacht. Die andere physiologische Strategie nach Erleben eines Traumas ist der „Kampf-Flucht“-Zustand, bei dem es zu einer Aktivierung der Stresssysteme kommt und aktivere Verhaltensstrategien auftreten können, wie z. B. Angst, Panik, Wut, Aggression. 

Zusammengefasst kann man feststellen, dass es bei intensivem Stresserleben, wie es bei einem Trauma der Fall ist, zu einer chronischen Ausschüttung von Stresshormonen kommt. Chronisch erhöhte Kortisolwerte führen zu einer Verringerung des Hirnareals, welches für Lernen und Gedächtnis zuständig ist, und sensibilisieren jenes Hirnareal, das bei Gefahr aktiviert wird und die Stressachsen wiederum aktiviert. Hinzu kommt, dass die Gehirnareale, welche die Emotionsregulation ermöglichen, negativ beeinflusst werden. All dies führt dazu, dass Emotionen nicht mehr entsprechend kontrolliert werden können, Lernen und Gedächtnis gestört sind und die Stressachsenaktivität mitunter dysreguliert ist.

Soziale Unterstützung nach dem Erleben eines Traumas spielt eine große Rolle als Schutzfaktor vor der Entstehung einer posttraumatischen Belastungsstörung. Mit sozialer Unterstützung erholen sich Menschen nach einem traumatischen Erlebnis schneller als ohne Unterstützung. Fehlende soziale Unterstützung dagegen steht im Zusammenhang mit der Entwicklung einer posttraumatischen Belastungsstörung. Soziale Unterstützung und das Oxytocin-System scheinen eine wichtige Rolle bei der Verarbeitung von Traumata zu spielen.

Das Risiko, eine PTBS zu entwickeln, ist unter folgenden Bedingungen geringer:

  • Wenn das Trauma Teil eines Erlebens im sozialen Umfeld ist und somit gemeinsam mit anderen Menschen erlebt wurde.
  • Wenn das Trauma durch eine unbekannte Person hinzugefügt wird und nicht durch nahestehende Menschen.
  • Wenn nach einem Traumaerlebnis rasch Hilfe und Trost zur Verfügung stehen

Da die Stresssysteme und Hirnareale, welche für Traumaentstehung eine Rolle spielen im Wirbeltierreich gleichgeblieben sind, ist anzunehmen, dass die Ergebnisse bei traumatisierten Menschen und jene aus Tiermodellen ebenso auf Hunde zutreffen.
Was das für den Umgang mit traumatisierten Hunden bedeutet wird in der live online Kursreihe Narben auf der Seele – Traumaarbeit mit Hunden, welche am 04.03.2022 startet, näher beleuchtet.

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Literatur

Brückl, T. M./Binder, E. B. (2017): Folgen früher Traumatisierung aus neurobiologischer Sicht. In: Forensische Psychiatrie, Psychologie, Kriminologie, 11. Jg., Heft 2, S. 118–132.

Dana, D. (2018): Die Polyvagal-Theorie in der Therapie. Den Rhythmus der Regulation nutzen. 2. Auflage, Probst, Lichtenau.

Engert, V., et al. (2009): Perceived early-life maternal care and the cortisol response to repeated psychosocial stress. In: Journal of Psychiatry and Neuroscience, 35. Jg., Heft 6, S. 370–377

Jacobs, S. (Hrsg.) (2009): Neurowissenschaften und Traumatherapie. Grundlagen und Behandlungskonzepte. Universitätsverlag, Göttingen.

Olff, M. (2012): Bonding after trauma. On the role of social support and the oxytocin system in traumatic stress. In: European Journal of Psychotraumatology, 3. Jg., Heft 1, Artikel 18597.

Pfeifer, S. (2009): Trauma. Die Wunden der Gewalt. Seelische Traumatisierung, Komplextrauma, PTSD. Ursachen – Folgen – Bewältigung. Psychatrie & Seelsorge Seminarheft, Psychiatrische Klinik Sonnenhalde. (URL: https://www.seminare-ps.net/ipad/ipad_TRAUMA_Samuel_Pfeifer_Seminarheft.pdf [letzter Zugriff: 23.02.2022]).

Rensing, L. et al. (2006): Mensch im Stress. Psyche, Körper, Moleküle. Springer Spektrum, Berlin/Heidelberg.